Epidemiologische Auswertung

Die epidemiologischen Auswertungen beschreiben das Krebsgeschehen bezogen auf die hessische Bevölkerung. Zentrale Größen sind hierbei die Rate der Neuerkrankungen (Inzidenz) und die Sterberate (Mortalität) für verschiedene Krebsarten. Die Auswertungen werden regelmäßig in Berichten „Krebs in Hessen“ veröffentlicht.

Grundlage

Für die epidemiologische Berichterstattung haben sich die deutschen Krebsregister auf Standards geeinigt, um eine Vergleichbarkeit zentraler Kennwerte zu gewährleisten. Beispielsweise verwenden alle deutschen Krebsregister dieselbe Altersstandardisierung, so dass ihre Neuerkrankungsraten vergleichbar werden. Auch ist einheitlich definiert, welche Krebsarten in den Kanon bösartiger Krebserkrankungen aufgenommen wurden. Werden diese Krebsarten gemeinsam ausgewertet, so sind sie durch "Krebs gesamt" bezeichnet.

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Die häufigsten Krebsarten in Hessen 2013 (ohne DCO-Fälle) - Fallzahlen (Achse) und Anteil in Prozent an "Krebs gesamt" je Geschlecht.

Die obige Abbildung zeigt die häufigsten Krebsarten nach Geschlecht, die mit dem Diagnosejahr 2013 in Hessen registriert wurden. Tumoren, deren Registrierung nur auf den Informationen eines Leichenschauscheins basieren, fallen unter die Bezeichnung Death certificate only (DCO) und werden in dieser Darstellung nicht berücksichtigt.

Raten

Um die aufgetretenen Krebsfälle in Bezug zur Bevölkerung zu setzen, bezieht man sie auf eine festgelegte Bevölkerungszahl, zumeist auf 100.000 Personen. Der Kennwert "Fallzahl pro 100.000 Personen" wird als rohe Rate bezeichnet. Dieser Wert ist ein Maß für die Krankheitslast in der Bevölkerung und daher für die Patientenversorgung sehr relevant. Auf ein Jahr bezogen entspricht dieser Wert auch in etwa dem allgemeinen Erkrankungsrisiko in der Bevölkerung.

Für eine genauere epidemiologische Auswertung werden Kennwerte benötigt, welche die Altersverteilung in der Bevölkerung berücksichtigen. Diese werden weiter unten vorgestellt. Die zur Berechnung benötigten Bevölkerungsdaten werden vom Statistischen Landesamt Hessen veröffentlicht. Hierbei ergeben sich die Bevölkerungsdaten aus der Fortschreibung des Bevölkerungsstands in Hessen, die Daten zur Sterblichkeit nach Diagnosen sind der Todesursachenstatistik zu entnehmen.

Altersspezifische Raten

Unter einer altersspezifischen Rate versteht man die in einer Altersklasse vorliegende Rate, wobei häufig fünf Geburtsjahrgänge in einer Altersklasse zusammengefasst werden. In der Regel erfolgt bei epidemiologischen Auswertungen auch noch eine Trennung nach dem Geschlecht. Altersspezifische Neuerkrankungsraten entsprechen in etwa dem Neuerkrankungsrisiko innerhalb eines Jahres in den jeweiligen Altersklassen.

Die altersspezifische Auswertung ist ein wichtiger Parameter zur Beschreibung des Krebsgeschehens, daher ist sie relevant für die Konzeption von Präventions- und Früherkennungsprogrammen und Grundlage der unten geschilderten Altersstandardisierung.

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Neuerkrankungen (a bzw. b) und Sterblichkeit (c bzw. d) in Hessen 2013 nach Altersklassen und Geschlecht. a und c zeigen absolute Fallzahlen, b und d zeigen altersspezifische Raten pro 100.000 Personen.

Die obige Abbildung gibt einen Überblick nach Geschlecht über die Neuerkrankungen an Krebs (lila hinterlegt) und die Sterblichkeit (rosa hinterlegt) innerhalb der fünf Jahre umfassenden Altersklassen. Während die zwei linken Abbildungen (a bzw. c) die konkreten Fallzahlen darstellen, zeigen die rechten Abbildungen (b bzw. d) die altersspezifischen Raten pro 100.000 Personen.

Altersstandardisierte Raten

Die Altersstruktur der Neuerkrankungen, also die Verteilung der altersspezifischen Raten ist je nach Krebsart unterschiedlich. Die meisten Krebsarten treten vermehrt im relativ hohen Lebensalter auf, es gibt aber auch seltenere Krebsarten, die fast ausschließlich in den ersten Lebensjahren vorkommen. Beim Vergleich des Krebsgeschehens in verschiedenen Regionen ist deshalb die Demographie von Bedeutung. Je älter die Bevölkerung, desto mehr Personen sind in Altersgruppen mit höherem Krebsrisiko und desto mehr Krebsfälle sind bei vielen Krebsarten zu erwarten. Auch bei der Beobachtung des Krebsgeschehens im Zeitverlauf tritt ein solcher Effekt auf, wenn sich die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt.

Den demographischen Effekt möchte man bei der Auswertung oft herausrechnen um die Zahlen hinsichtlich anderer Faktoren interpretieren zu können. Dies ist durch sogenannte altersstandardisierte Raten möglich.

Vorgehen zur Altersstandardisierung

Eine Altersstandardisierung ist erforderlich, um das Erkrankungs- oder Sterblichkeitsgeschehen verschiedener Bevölkerungsgruppen mit abweichender Altersstruktur (beispielsweise Wohnbevölkerung aus verschiedenen Regionen oder zeitlich veränderte Altersstruktur in derselben Bevölkerungsgruppe) vergleichbar und hinsichtlich anderer Einflussfaktoren interpretierbar zu machen. Die Altersstandardisierung verwendet eine Modell-Altersverteilung, bei der 100.000 Personen nach realem Vorbild oder nach einer fiktiven Verteilung auf Altersklassen (häufig Zusammenfassung von fünf Geburtsjahrgängen) verteilt werden. Die Modell-Bevölkerungszahl jeder Altersklasse wird mit der altersspezifischen Erkrankungs- oder Sterberate, d.h. der in der jeweiligen Altersklasse vorliegenden Rate multipliziert. Über alle Altersklassen summiert ergibt sich die altersstandardisierte Rate pro 100.000 Personen. Diese Art der Altersstandardisierung bezeichnet man als „direkt“. Alle deutschen Krebsregister publizieren diese Rate basierend auf derselben Modell-Bevölkerung, wodurch ein Vergleich ermöglicht wird.

Beobachtungen im Zeitverlauf

Darüber hinaus ist die zeitliche Entwicklung der altersstandardisierten Raten von Interesse, vgl. Abb. unten. Die Analyse von Trends ist wichtig zur Qualitätssicherung des Krebsregisters und zur Interpretation und ggf. auch Prognose des Krebsgeschehens. Bei der Interpretation von Zeitverläufen sind unter anderem die Entwicklung der Vollzähligkeit und Einflüsse von Früherkennungsprogrammen zu beachten. So wird die erfolgreiche Einführung eines Früherkennungsprogramms in der ersten Zeit zu einer gehäuften Registrierung kleinerer Tumoren und später zu einem temporären Absinken der Registrierungszahlen führen. Wenn durch das Programm schon Vorstufen gefunden und therapiert werden, können die Neuerkrankungszahlen auch langfristig sinken.

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Altersstandardisierte Sterbe- und Neuerkrankungsrate (pro 100.000) von "Krebs gesamt" im Zeitverlauf nach Geschlecht. Die registrierten Neuerkrankungen schließen hier DCO-Fälle ein.

Während die Todesursachenstatistik des Statistischen Landesamtes Hessen bereits Daten ab 2000 zur Verfügung stellt, setzt die flächendeckende Registrierung von Krebsfällen in Hessen erst 2008 ein.

Vorgefundene Änderungen von Neuerkrankungsraten im Zeitverlauf sind derzeit nur in begrenztem Maße und bei bestimmten Krebsarten auf bekannte Faktoren zurückzuführen. Dazu zählen z. B. eine verbesserte Früherkennung und Diagnostik von Krebserkrankungen sowie systematische Veränderungen in der Registrierung.

Hier wird deutlich, welchen Stellenwert der Vollzähligkeitsgrad der Krebsregistrierung (Anteil der Krebsfälle in der hessischen Bevölkerung, die im Register erfasst werden) bei der Interpretation des Zeitverlaufs einnimmt. Nur eine hinreichend vollständige Registrierung ermöglicht die Identifikation von Faktoren, die tatsächlich Einfluss auf die Neuerkrankungsrate ausüben.

Überleben

Ein wichtiger Aspekt in der Beobachtung des Krebsgeschehens ist das Gesamtüberleben. Darunter versteht man die Zeitspanne zwischen Tumor-Erstdiagnose und Tod, unabhängig von der Todesursache. Das Gesamtüberleben gibt durchaus Aufschluss über die Qualität von Diagnostik und Therapie, ist aber eine statistische Größe, die nicht für individuelle Aussagen zum Überleben von an Krebs erkrankten Personen verwendet werden kann.

Um zu bestimmen, im welchem Maße die Lebenserwartung von an Krebs Erkrankten gegenüber Personen gleichen Alters und Geschlechts in der Bevölkerung eingeschränkt ist, berechnet man relative Überlebensraten, die das Gesamtüberleben in beiden Gruppen in Relation setzen.

Das Gesamtüberleben wird in der Regel fünf Jahre nach Erstdiagnosedatum, bei vorliegenden Daten auch nach zehn oder mehr Jahren ermittelt. Eine relative 5-Jahres-Überlebensrate von 100 % entspräche keiner Einschränkung der Lebenserwartung durch Krebs innerhalb der ersten fünf Jahre nach Diagnose. Bei einer relativen 10-Jahres-Überlebensrate von 50 % würde im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung nur jeder Zweite zehn Jahre nach Diagnose überleben. Der Vorteil gegenüber absoluten Überlebensraten ist die Vergleichbarkeit von Kollektiven von Erkrankten unterschiedlicher Altersstruktur.

Die folgende Abbildung stellt die relative 5-Jahres-Überlebensrate in Abhängigkeit des medianen Erkrankungsalters je Krebsart für Frauen in Hessen dar, die 2013 an Krebs erkrankten. Das mediane Erkrankungsalter entspricht dem Alter zum Zeitpunkt der Erstdiagnose, das nach Sortierung aller Alterswerte genau in der Mitte liegt.

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Verteilung der Krebsarten bei Frauen 2013 ohne DCO-Fälle nach medianem Neuerkrankungsalter (Hessen), relativem 5-Jahres-Überleben (Deutschlandschätzung) und altersstandardisierter Neuerkrankungsrate ohne DCO-Fälle in Hessen (als relative Kreisflächen, ohne Skala).

Veröffentlichungen

Ausführliche Informationen zum Krebsgeschehen in Hessen können den Berichten „Krebs in Hessen“ entnommen werden. Diese Berichte beginnen mit einleitenden Informationen zum Krebsregister und zu den Daten und Auswertungsmethoden. Im Datenkapitel „Krebs gesamt“ sind Auswertungen über alle bösartigen Krebserkrankungen zusammengefasst. In 24 Kapiteln wird das Auftreten einzelner Krebsarten oder Gruppen ähnlicher Krebsarten detailliert beschrieben. Das abschließende Kapitel „Krebs bei Kindern“ zeigt eine Sonderauswertung des Deutschen Kinderkrebsregisters für das Land Hessen. Ein Anhang enthält zusätzliche Informationen wie beispielsweise das Hessische Krebsregistergesetz.

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Dr. Stefan Gawrich<br>Dr. Stefan Gawrich
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